Der Begriff toxische Männlichkeit ist überall. In Talkshows, in Schlagzeilen, in Fortbildungen. Er soll ein reales Problem benennen: Verhaltensweisen von Männern, die anderen und ihnen selbst schaden, von Dominanz über Gewalt bis zur Unfähigkeit, über Gefühle zu sprechen. Das Problem ist real. Der Begriff, mit dem wir es benennen, führt in die Irre. Ich halte toxische Männlichkeit für eine analytische Sackgasse, und ich will erklären, warum. Damit verlasse ich in dieser Reihe kurz das enge Feld der Kinder- und Jugendhilfe und komme doch zu ihm zurück, denn wie wir über Jungen und Männer sprechen, prägt, wie wir sie erziehen.
Das erste Problem ist begrifflicher Natur. Toxisch ist ein Wort aus der Giftlehre. Es beschreibt eine Substanz, die schädlich ist, und zwar ihrem Wesen nach. Auf Männlichkeit angewandt suggeriert es, dass etwas an der Männlichkeit selbst vergiftet sei. Das ist analytisch unscharf, denn Männlichkeit ist keine Substanz, sondern eine soziale Praxis. Sie wird gelernt, eingeübt und weitergegeben, in Familien, in Peergroups, in Institutionen. Was gelernt ist, kann anders gelernt werden. Der Begriff toxisch verschließt genau diese Einsicht, weil er ein Verhalten zu einer Eigenschaft macht. Aus einem veränderbaren Muster wird ein feststehender Charakter.
Das zweite Problem ist pädagogisch und wiegt schwerer. Der Begriff beschämt. Wer einem Jungen oder einem Mann sagt, seine Männlichkeit sei toxisch, trifft ihn nicht an seinem Verhalten, sondern an seiner Person. Scham ist aber ein schlechter Ausgangspunkt für Veränderung. Die entwicklungspsychologische Forschung zeigt, dass Scham nicht Einsicht erzeugt, sondern Abwehr. Ein beschämter Mensch verteidigt sich, zieht sich zurück oder schlägt zurück. Er verändert sich nicht. Wer also Jungen und Männer zu einem anderen Umgang mit anderen Geschlechtern bewegen will, erreicht mit dem Vorwurf des Toxischen das Gegenteil. Er produziert die Abwehr, die er beklagt, und liefert genau die Empörung, aus der antifeministische Angebote ihre Anziehung ziehen.
Damit kein Missverständnis entsteht: Ich argumentiere nicht gegen die feministische Analyse, im Gegenteil. Ich halte die feministische Geschlechtertheorie für das präziseste Werkzeug, um männliche Sozialisation zu verstehen. Die Soziologin Raewyn Connell hat mit dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit gezeigt, dass es nicht die eine Männlichkeit gibt, sondern ein Gefüge von Männlichkeiten, in dem bestimmte Formen dominant werden und andere abgewertet. Dieses Konzept erklärt, warum sich Jungen an einem Ideal orientieren, das ihnen selbst schadet, und es tut das ohne moralisches Etikett. Es beschreibt eine Struktur, keine Gesinnung. Genau diese Präzision geht verloren, wenn aus der Analyse das Schlagwort toxische Männlichkeit wird.
Was wäre die Alternative? Ein Begriff von Männlichkeit als erlernte, veränderbare Beziehungsform. Wer so denkt, stellt nicht die Frage, wer schuld ist, sondern die Frage, unter welchen Bedingungen ein Junge lernt, mit Nähe, mit Grenzen, mit den eigenen Gefühlen und mit anderen Menschen umzugehen. Diese Frage ist pädagogisch bearbeitbar. Sie führt zu konkreten Ansätzen: zu Räumen, in denen Jungen etwas anderes erproben können als das dominante Ideal, zu erwachsenen Vorbildern, die eine andere Männlichkeit vorleben, zu einer Erziehung, die Beziehungsfähigkeit als Stärke behandelt und nicht als Schwäche. Nichts davon gelingt mit Beschämung. Alles davon gelingt mit Anerkennung als Ausgangspunkt.
Hier schließt sich der Bogen zur Kinder- und Jugendhilfe. § 9 Nummer 3 SGB VIII verpflichtet dazu, bei der Ausgestaltung der Leistungen die unterschiedlichen Lebenslagen der Geschlechter zu berücksichtigen und die Gleichberechtigung zu fördern. Das ist ein pädagogischer Auftrag, kein moralischer. Er richtet sich darauf, Bedingungen zu schaffen, unter denen Kinder unabhängig vom Geschlecht gute Beziehungen lernen. Die Jungenarbeit, die diesen Auftrag ernst nimmt, arbeitet nicht mit dem Vorwurf des Toxischen, sondern mit der Frage, wie ein Junge zu einem Menschen wird, der sich selbst und anderen gerecht wird. Das ist anstrengender als ein Schlagwort, und es ist wirksamer.
Ich versuche den Reiz des Begriffs zu verstehen. Er benennt eine Wut über reales Unrecht, und diese Wut ist berechtigt. Aber ein Begriff, der Recht behält und nichts bewegt, hilft niemandem. Emanzipation gelingt nicht, indem man die einen beschämt, damit die anderen sich sicherer fühlen. Sie gelingt, indem man Bedingungen schafft, unter denen Menschen ihr Verhalten ändern können, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Für Jungen und Männer heißt das, ihnen einen Weg zu zeigen, der ein Gewinn ist und kein Verzicht. Wie dieser Gewinn aussieht, ist ein eigenes Thema, dem ich mich in dieser Reihe noch widmen werde.
Der Streit ist nicht akademisch, er hat eine politische Dringlichkeit. In den vergangenen Jahren geraten junge, männlich gelesene Menschen über digitale Räume vermehrt an antifeministische und frauenfeindliche Angebote, die ihnen einfache Erklärungen und ein Gefühl von Zugehörigkeit versprechen. Diese Angebote leben von der Kränkung, und Beschämung liefert ihnen den Nachschub. Wer einem Jungen sagt, seine Männlichkeit sei das Problem, treibt ihn womöglich denen in die Arme, die ihm sagen, er werde zu Unrecht angegriffen. Eine beziehungsorientierte Pädagogik setzt dem etwas entgegen, das diese Angebote nicht bieten können: echte Anerkennung und einen Ort, an dem ein junger Mensch über seine Unsicherheit sprechen darf, ohne verurteilt zu werden. Der Kampf um die Haltung junger Männer wird nicht mit dem besseren Vorwurf gewonnen, sondern mit der besseren Beziehung. Das ist unbequem, weil Beziehung Zeit kostet, und es ist die einzige Antwort, die hält.
Für heute genügt der eine Punkt. Wer Verhalten ändern will, braucht einen Begriff, der erklärt, statt zu urteilen. Toxische Männlichkeit urteilt und erklärt nicht. Deshalb ist es Zeit, ihn zu ersetzen, nicht weil das Problem kleiner wäre, sondern weil wir es ernster nehmen sollten, als ein Schlagwort es erlaubt.
Quellen
- § 9 SGB VIII, Grundrichtung der Erziehung, Gleichberechtigung der Geschlechter (Nummer 3)
- Raewyn Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten (Originaltitel „Masculinities“), Konzept der hegemonialen Männlichkeit.